VORTRAG „DIE GAMBURGER HEXENJAGD VON 1616 UND DIE ENTSTEHUNG DER ,REICHSHERRSCHAFT GAMBURG‘“

Nur wenige Kapitel der abendländischen Kulturgeschichte sind heute so sehr mit falschen Vorstellungen behaftet wie die Hexenverfolgungen. Obwohl sie oft als eine Erscheinung des „finsteren Mittelalters“ angesehen werden, galt der Hexenglaube damals eigentlich als häretisch (canon episcopi). Erst als in der frühen Neuzeit einzelne Aspekte des Magieglaubens in das Strafrecht der frühmodernen Staaten übertragen wurden, kam es zum klassischen Hexenbild und Massenverfolgung. Dabei wurden Hexenprozesse meist von weltlichen Institutionen angestrengt und durchgeführt. Die spanische und römische Inquisition lehnte Hexenjagden sogar ausdrücklich ab. Zielten die weltlichen Hexenprozesse auf die Bestrafung vermeintlich Schuldiger ab, strebte die Inquisition deren Umkehr an. Hexenverfolgungen waren vor allem Ausdruck von Ängsten in der Bevölkerung während der Kleinen Eiszeit, der Pest und der Konfessionskriege. Sie äußerten sich oft als regelrechte Volksbewegungen, sogar gegen den Willen der weltlichen Obrigkeit und der Kirchen.

So kann man auch die Gamburger Hexenjagd von 1616 durchaus als typisch bezeichnen. Damals waren in der Walpurgisnacht die dortigen Weinstöcke erfroren und bald danach in einem furchtbaren Hagelsturm zusammen mit den Obstbäumen auf Jahre hinaus vernichtet worden. Das sich daraufhin verschwörende Volk zerrte zwei schon lange der Zauberei verdächtige Frauen aus ihren Häusern und zwangen die Amtskeller der Burg und des Unteren Schlosses, diese zu examinieren und einzusperren. Da die beiden nicht gestanden, musste man sie, um sie zu foltern, dem mainzischen Zentgericht zu Külsheim ausliefern, dem die Blutgerichtsbarkeit über Gamburg zustand. Doch widersetzte sich die Gemeinde, weil sie fürchtete, man würde dort „zu leiſe“ mit ihnen verfahren. So wandte sich der Herr des Unteren Schlosses direkt an den Mainzer Erzbischof, dem Bruder des verstorbenen Herrn der Gamburg, die nun von seiner Witwe geführt wurde. In dem daraufhin zwischen dem Erzbischof und den Ortsherren ausbrechenden Kanzleistreit über die Übernahme der Gerichtskosten gab Kurmainz schließlich nach Monaten notgedrungen nach und erließ den Befehl, die Hexen an Külsheim auszuliefern, um sie dort ex officio zu prozessieren…

Während dieses Kostenstreits zwischen der Gemeinde und dem Erzstift wegen der eigenmächtigen Festnahme der Hexen beanspruchte die Burgherrschaft offenbar zum ersten Mal die Blutgerichtsbarkeit und damit die volle Ortsherrschaft über Gamburg für sich und erklärte sich somit von Mainz unabhängig. Tatsächlich entglitt die Gamburger Herrschaft dem Erzstift immer mehr, was schließlich zur später sogenannten „Reichsherrschaft Gamburg“ führte. So spiegelt sich in der Gamburger Hexenjagd von 1616 ein kurioses Stück deutscher Rechts-, Kultur- und Territorialgeschichte, das letztlich auch den beiden Hexen ein durchaus überraschendes Ende bereitete…

Der vortragende Goswin von Mallinckrodt beschäftigt sich seit Jahren mit der Aufarbeitung der Geschichte der Gamburg, welche von seiner Familie bewohnt und erhalten wird. Über die Forschungen zur Gamburg hält er regelmäßig Vorträge und wirkt auch als historischer Berater. Er war u.a. einer der Mitorganisiatoren, -referenten und -publizisten der internationalen Tagung „Repräsentation und Erinnerung“ über die Gamburg und das hochmittelalterliche Kulturerbe der Region. Außerdem ist er Initiator des aktuell geplanten Kulturwegs des Archäologischen Spessartprojekts zwischen Bronnbach und Niklashausen.

TERMIN
1. Mai 2018, 19.30 Uhr

PREIS
5,- € pro Person

BITTE VORANMELDEN UNTER
09348/605 oder mail@burg-gamburg.de