ENGAGEMENT

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Arbeiten im Burghof 1989

Durch Hans-Georg von Mallinckrodt senior gelangte die seit 1546 in adeligem Privateigentum befindliche Gamburg 1980 in die Familie von Mallinckrodt. Nach diversen Lebensstationen als Novize im Benediktinerkloster Maria Laach, als Journalist in der katholischen Widerstandszeitung „Der Gerade Weg“, als Bürgermeister, als Landwirt und als Unternehmer löste er damit mit 75 Jahren u.a. ein altes Versprechen an seine Stiefmutter ein, einen ideellen Ersatz für das sich aufsplitternde Erbe ihrer aussterbenden gräflichen Familie von Helmstatt zu finden (Weitere Informationen unter →Familiengeschichte).

Eine Burg angemessen zu führen ist eine Kunst für sich, für die es keinen Studiengang gibt. Jedes historische Denkmal hat eine ganz bestimmte Geschichte, einen ganz bestimmten Look, eine ganz bestimmte Funktionalität und auch eine ganz bestimmte Kontinuität – sprich: eine Identität, die zu erkennen und zu respektieren ist. Die Identität der Gamburg musste allerdings erst mühsam wieder freigelegt werden. Denn erst wenn man die Identität eines solchen Denkmals kennt, kann dieses entsprechend sinnvoll weiterentwickelt werden. Dies geschieht auf der Gamburg durch drei grundsätzliche Maßnahmen, die jeweils aufeinander aufbauen:

Erforschen der vorher in großen Teilen unbekannten Geschichte der Gamburg.
Erwecken der stark heruntergekommen Burg sowie des gar nicht mehr vorhandenen Burgparks zu neuem Leben.
Erleben der zuvor selbst regional weitgehend unbekannten Gamburg durch die interessierte Öffentlichkeit.

„ERFORSCHEN“ – FORSCHUNGSINITIATIVEN

Als eine der ältesten Burgen der Region wurde die Gamburg von den Edelfreien von Gamburg zu einer der repräsentativsten Residenzen des deutschen Hochmittelalters ausgebaut und später von den Mainzer Erzbischöfen als Verwaltungsmittelpunkt etabliert. Dank ihrer Rettung durch Götz von Berlichingen überstand sie als eine der wenigen fränkischen Burgen den Bauernkrieg, wurde in ihrer Geschichte nie zerstört und war allzeit bewohnt. Spätestens im 17. Jh. erhielt sie einen aufwändigen Burgpark und beanspruchte sogar die Reichsunmittelbarkeit. Anfang des 19. Jhs. erreichte sie nochmal eine vorübergehende Bekanntheit als mysteriöse Geisterburg. Und trotzdem geriet dieses herausragende Kulturerbe bald darauf immer mehr in Vergessenheit.

Im Rahmen umfassender Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten wurden 1986 durch Hans-Georg von Mallinckrodt junior spektakuläre Befunde des romanischen Saalbaus der Burg und seiner Malereien (der „Barbarossa-Fresken“) entdeckt. Dadurch kamen große Teile der bis dahin verschütt gegangenen Geschichte und Identität der Gamburg im wahrsten Sinne langsam wieder zum Vorschein. Trotz starker Widerstände des baden-württembergischen Landesdenkmalamtes und obwohl die Saaletage damals noch in zur Vermietung vorgesehene Zimmer unterteilt war, setzte sich von Mallinckrodt für die vollständige Freilegung der romanischen Befunde ein, deren Bedeutung, nicht nur für die Geschichte der Burg, er schnell erkannte.

Rittersaal 2003 heute

Südwand des Rittersaals
 2003 und heute

Erst dadurch wurde eine angemessene Erforschung überhaupt ermöglicht. Schon im ersten 1990 dazu publizierten Fachaufsatz wurden die Funde als „sensationell“ bezeichnet. Bis dahin stammte die letzte wissenschaftliche Abhandlung über die Geschichte der Gamburg als solche aus dem Jahre 1896. Die Anlage galt damals noch als relativ unbedeutender, hauptsächlich aus dem 15. und 16. Jh. stammender Bau, bei dem nur der romanische Bergfried und urkundliche Erwähnungen auf ein höheres Alter schließen ließen. Nun aber wurde klar, dass der Saalbau bereits im 12. Jh. von den Edelfreien von Gamburg als außergewöhnlich repräsentative Residenz mit prächtig geschmückten Doppelarkaden, Holzgalerie und romanischer Fußbodenheizung errichtet worden war. Die Barbarossa-Fresken mit ihren frühen deutsch-lateinischen Inschriften stellten sich wiederum als älteste weltliche Wandmalereien nördlich der Alpen und einzig erhaltene Original-Ausmalung eines Rittersaals überhaupt heraus. So wurde nun die →Geschichte der Gamburg und ihrer Besitzer, aber auch die der restlichen Ortschaft und sogar der ganzen Region durch namhafte Archivare, Burgenforscher, Bau- und Kunsthistoriker immer eingehender untersucht und in großen Teilen neu geschrieben. Dabei hat die Eigentümerfamilie immer wieder neue Impulse gegeben, neue Fachleute persönlich angesprochen und letztlich auch selbst geforscht und dokumentiert.

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Querschnitt des Saalbaus mit Befunden

1997 kam erstmals eine Tagung zustande, die sich ausschließlich mit den romanischen Befunden und der hochmittelalterlichen Geschichte der Gamburg beschäftigte und deren Vorträge zum Großteil von der Wartburg-Gesellschaft im Jahre 2000 publiziert wurden. Im Jahr darauf wurde die Gamburg schließlich offiziell als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ gelistet. In diesen Jahren wurde in einer von drei renommierten Bauhistorikern zusammen- gestellten Forschungsdokumentation nochmals die weitere Sicherung und Restaurierung der romanischen Befunde des Saalbaus gegenüber der staatlichen Denkmalpflege angemahnt und deren außergewöhnliche Bedeutung deutlich gemacht. Gleichzeitig enthielt diese Dokumentation viele wichtige Beiträge, welche die bisherigen Untersuchungen zur allgemeinen Baugeschichte der Burg erstmals zusammenfassten und einordneten.

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Fotografien der Nordarkade
in Infrarot (links) und Ultraviolett (rechts)

Erst Anfang der 2000er Jahre wurden schließlich Säuberungen und Freilegungen der Wandmalereien und der Saalarchitektur in dem Ausmaß durchgeführt, wie sie sich auch heute im Saal präsentieren. Allerdings lagen für die damals freigelegten Teile der Malereien und der Architektur lange Zeit keine entsprechenden Bestandsaufnahmen vor. Auch die Anfertigung einer Neudokumentation der durch die Säuberungen deutlich besser erkennbaren Teile der Malereien ist nicht bekannt. Erst ab 2009 wurde in rein privater Initiative verschiedener Fotografen eine vollständige und professionelle Bestandsaufnahme des Saales nachgeholt, ebenso wie die üblichen Bestandsfotografien im Infrarot- und Ultraviolettbereich.

Trotz all der bis dahin geleisteten Forschungsbeiträge blieb aber die schiere Grundlagenforschung zur Untersuchung, Beschreibung und Einordnung der neu freigelegten und gesäuberten Bestände, aber auch darüber hinaus, weiterhin unerledigt, was den Fortschritt der Forschungen zur Architektur und vor allem zu den Malereien noch mehr verzögerte.

Burg Gamburg

Tagungsband „Repräsentation und Erinnerung“

Die vielen überfälligen Forschungen nachzuholen war daher ein zentraler Antrieb der →internationalen Tagung „Repräsentation und Erinnerung“ über das hochmittelalterliche Kulturerbe im Main-Tauber-Gebiet, die 2014 im Kloster Bronnbach und auf der Gamburg stattfand und vom Landesarchiv Baden-Württemberg sowie den Universitäten Mannheim und Heidelberg getragen wurde. Dazu gehörten auch diverse Initiativen zur Vor- und Nachbereitung der Tagung durch den diplomierten Kunsthistoriker Goswin von Mallinckrodt, der, neben seiner Eigenschaft als Mitherausgeber des 2016 erschienenen Tagungsbandes, als Referent und Autor auch ausführliche Grundlagenforschungen zum Saalbau und den Barbarossa-Fresken beisteuerte.

Goswin von Mallinckrodt hält außerdem regelmäßig diverse (kunst-)historische Vorträge zur Geschichte der Gamburg und der Region, wie z.B. →im Museum im Storchen zu Göppingen (Gesellschaft für staufische Geschichte e. V.) 2015, auf den Tagungen →„Unbekannte Romanik“ (Uni Bamberg (ZeMas)/Deutsches Burgenmuseum Veste Heldburg) 2018, →„Die Burg des 12. Jhs.“ (Archäologisches Spessartprojekt e.V.) 2019 oder einfach auf der Gamburg selbst →wie jedes Jahr zum Todestag Barbarossas. Die Themen reichen dabei von den →frühen Befestigungen im Main-Tauber-Gebiet über das →höfische und sakrale Erbe der „Tauber-Herren“ bis hin zu Götz von Berlichingen und die Gamburg im Bauernkrieg. Einzelne Beiträge werden weiterhin auch publiziert, wie etwa in →„Altfränkische Bilder“ (13. Jg, 2018) der Gesellschaft für Fränkische Geschichte.

Inzwischen wird die vielseitige Geschichte der Gamburg und insbesondere ihr Saalbau mit den Barbarossa-Fresken in der Fachwelt immer mehr rezipiert und besprochen, z.B. im Tagungsband „BarabrossaBilder“ von 2014, der Ausstellungsmonografie „Adalbert Hock“ von 2014 und dem Ausstellungskatalog „100 Schätze aus 1000 Jahren“ der Bayerischen Landesausstellung von 2019.

„ERWECKEN“ – PRIVATE DENKMALPFLEGE

Vorher Nachher Burgpark 80er Eben

Der Burgpark vorher und nachher

Die Gamburg war im Laufe ihrer langen Geschichte durch Erzbischöfe, Lehensträger und acht verschiedene Eigen- tümerfamilien zahlreichen Veränderungen unterworfen: Von der frühmittelalterlichen Befestigung zur romanischen Residenz, vom der gotischen Veste zum Renaissanceschloss, vom barocken Gartenparadies zur ruinösen Geisterburg, vom romantisierenden Privatsitz zum modernistischen Funktionsbau, vom wieder- hergerichteten Zuhause zum touristischen Ausflugsziel. Allein im 20. Jh. wurde die Gamburg so umfassend umgestaltet wie wohl seit der Renaissance nicht mehr. Und die Geschichte geht weiter. Vielleicht nochmal 900 Jahre, vielleicht mehr, vielleicht weniger. Wer diese Geschichte nicht abwürgen will, wer aus einem lebenden Organismus keine Mumie machen möchte, muss bei einem solchen Anwesen irgendwann über den reinen Erhalt eines Denkmals hinausgehen und sich mit Fragen der Identität, der Funktionalität und der Ästhetik beschäftigen.

Im 19. Jh. verfiel die Gamburg wie damals viele andere Burgen in immer stärkerem Maße. Diese Entwicklung konnte erst in den 1910er/20er Jahren durch Rudolf Graf von Ingelheim aufgehalten und mit enormen Erneuerungsarbeiten umgekehrt werden. Allerdings wurden große Teile der Burg 1956 zu Funktionsräumen für die Bedürfnisse einer dort untergebrachten Kindererholungsstätte der Caritas, einer Bauernschule sowie einer Förderschule radikal umgebaut.

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Der Burghof vorher und nachher

1980 war der allgemeine Zustand der Gamburg katastrophal. Aus den Gebäuden wurden insgesamt 24 Tonnen Schutt herausgefahren. Die Burggärten waren komplett aufgegeben worden. Dem-entsprechend war der Aufwand für die Wiederherrichtung zahlreicher historischer Elemente und die Sanierung für private Zwecke enorm. In der Saaletage wurden, neben der Freilegung und Restaurierung der romanischen Befunde, die Zwischenwände herausgerissen, um sie überhaupt wieder als Saal erleben zu können. Der als integraler Teil einer Burganlage in Deutschland so gut wie →einmalige Burgpark wurde mit seiner barocken Lichtachse wiederhergestellt bzw. neu interpretiert und die verschwundenen Garten- und Wasserstatuen durch neue ersetzt. Der Torgraben wurde mit einem indischen Pavillon geschmückt, an dessen Stelle, wie sich später herausstellte, früher bereits ein anderer gestanden hatte. Fast alle Fassaden wurden neu verputzt und am Hinteren Bau der ehemalige Stufengiebel rekonstruiert. Die Zisterne wurde geöffnet und hochgemauert und daneben ein ästhetisch passender Garagenbau errichtet. Der Burghof, durch den neue Strom- und Wassersysteme gelegt werden mussten, wurde auf Felsniveau herabgesenkt, gepflastert, mit neuen Treppen versehen und mit verschiedenen Steinfiguren dekoriert. Der kleine Vorbau auf der Burgterrasse wurde durch eine Altane ersetzt. Zudem werden jedes Jahr über 300 mediterrane Topfpflanzen aufgestellt, welche die Gamburg im wahrsten Sinne aufblühen lassen. Die Innenräume der Burg, die fast alle umfassend restauriert und von nicht wenigen Bausünden befreit wurden, hatten kein Inventar mehr. So mussten z.B. in der historischen Enfilade des Bischofsbaus u.a. das Parkett von Magerbeton und Linoleum befreit, die verkürzten und von Essenswägen verkratzten Holztüren restauriert und neue Stuckdecken eingesetzt wurden. Hier wurde die ästhetische und z.T. auch funktionale Kontinuität der klassischen Raumfolge einer Enfilade wiederhergestellt, ohne dass dies die bloße Kopie eines vergangenen Zustandes bedeutet hätte. Und es ließen sich noch zahlreiche weitere Restaurierungsmaßnahmen aufzählen…

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Der Burgpark vorher und nachher

Doch was sollte geschehen, als etwa in gotische Kapellenfenster zur Abdichtung eingebaute Sperrholz-platten vom Denkmalamt als „authentisches Stilempfinden der 60er Jahre“ bezeichnet und somit als erhaltenswert eingestuft wurden? Oder als das Denkmalamt mit Strafanzeige drohte, weil durch die Entfernung einzelner Werksteine zur Freilegung der außergewöhnlichen romanischen Saalarkaden mit einer frühen Baumeister- figur „der homogene Wandzusammenhang der Renaissance“ zerstört worden sei? (Übrigens eine zunächst durch die Handwerker erfolgte Freilegung, die dem Bauherrn auf Anweisung des Denkmalamtes nicht mitgeteilt werden sollte.) Oder als das Denkmalamt die Freilegung und damit auch Erforschung der einzigartigen Barbarossa-Fresken blockierte und die Verschließung der bereits freigelegten Teile forderte, mit der Begründung unter dem Putz erhielten sie sich besser? Doch für wen? Und stimmt das überhaupt? Nicht, wenn man weiß, dass die Malereien durch das schiere Unwissen über ihre Existenz schwer beschädigt wurden, nämlich während des genehmigten Einbaus eines Verteilerkastens, der allerdings auch zu ihrer Entdeckung führte. Nicht, wenn man weiß, dass die Dokumentationen des Denkmalamtes so unzuverlässig waren, dass es im Laufe der Jahre mehrere Aktenordner, vier als historische Bauopfer eingemauerte Schuhe oder die Vermauerung einer ganzen Arkade einfach verloren hat. Ist nicht die größte Zerstörungsgefahr das Vergessen, dass sich an einem Ort überhaupt etwas Erhaltenswertes befindet, während die Wertschätzung steigt, wenn es im Bewusstsein der Bevölkerung verankert ist?

Hoffassade Mai 89

Hoffassade des Saalbaus 1989

Hier kommt die gerade von staatlichen Denkmalschützern in Deutschland gepflegte Doktrin des „Einfrierens“ von Geschichte an ihre Grenze. Noch heute machen sich dabei, neben einer gewissen Ruinenromantik, die Phantomschmerzen der Denkmaldebatten von vor 100 Jahren zwischen Bodo Ebhardt und Otto Piper bemerkbar. Jede Rekonstruktion oder Verbesserung, die früher Teil der lebendigen Kontinuität historischer Gebäude war, wird plötzlich zu einem Eingriff in den „Zeugnischarakter“ eines vermeintlich für die Ewigkeit bestimmten „Denkmals“. Doch wenn jedes historische Objekt nur noch als Geschichtsdokument betrachtet wird, unter weitgehender Missachtung seines ursprünglichen Sinns, seiner Funktion oder gar seiner ästhetischen Wirkung, ist die Folge eine komplette Musealisierung der Vergangenheit, die ironischerweise für sich genommen gänzlich unhistorisch ist. Aus einem Objekt des Lebens wird somit ein reines Objekt der Wissenschaft und letztlich eine entrückte Reliquie gemacht. Der Mensch der Gegenwart lebt damit, zum reinen Endverbraucher degradiert, wie zwischen den Relikten einer untergegangenen Zivilisation und die Bewohner eines Altbaus wie in ihrem eigenen Ausstellungsraum. Damit nähert man sich einer Logik, in der Sondierungen entweder als „Spaßgrabungen” diffamiert oder als „optische Fußangeln“ gestaltet werden, in welcher der „Schauwert“ fast völlig dem „Zeugniswert“ weicht und in der man historische Objekte allgemein nicht mehr anfasst, restauriert, geschweige denn wiederbelebt. Einer Logik also, in der ein historisches Objekt nicht mehr primär dazu da ist, weiterhin die Aufgabe zu erfüllen, für die es geschaffen wurde – also um bewohnt, benutzt oder bewundert zu werden. Am Ende einer solchen Entwicklung steht in leider nicht wenigen Fällen die Abrissbirne.

Die Wiederbelebung der Gamburg begann dagegen ab dem Moment, in dem man tatsächlich wieder anfing in ihr zu leben und sie durch private Nutzung zu reaktivieren. Damit funktioniert sie im Gegensatz zu vielen deutschen Burgen und Schlössern, die man als tote Ruine oder ein zu Geschichte erstarrtes Museum vorfindet, heute wieder gemäß ihrer natürlichen Identität.

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Die bis heute nur halb verputzte Talfassade der Burg

Wie auf einem Schiff muss bei einem solchen Monument vieles selbst angepackt, repariert und gepflegt werden. Doch der Eigentümer-familie der Gamburg wurde manches Mal ins Steuer gegriffen. Zum Beispiel als ihr vom Denkmalamt der Beginn zusätzlicher Baustellen wie am Bergfried und den Tortürmen nahegelegt wurde, weil ein einzelnes Gewerk in einem Denkmal für sich genommen nicht zuschussfähig gewesen wäre. Oder als die Restaurierung eben jenes Bergfrieds dann wegen angeblicher Störung der dortigen Turmfalken ein Jahr lang gestoppt wurde, während der Bauherr das Gerüst (das die Vögel kaum zur Kenntnis nahmen) weiter bezahlen durfte. Oder als bereits zugesagte Zuschüsse, z.B. bei der Neuverputzung der Talfassaden, mitten während der Arbeiten unvermittelt zurückbehalten wurden, mit entsprechenden ästhetischen Folgen für die Fassade und finanziellen Folgen für den Bauherrn. Als ausgehend von einer kleinen originalen Ecke die Vollrekonstruktion der relativ unspektakulären barocken Saalstuckdecke großzügig bezuschusst wurde, die Rekonstruktion des deutlich großflächiger erhaltenen Renaissancefußbodens dagegen nicht, so dass das unwegsame Patchwork aus staubaufwirbelnden Bauplatten jahrelang eine Gefahr für die Wandmalereien und ein Ärgernis für jeden Besucher darstellte. Als Maßnahmen zur Temperierung des Saals, dessen Wandmalereien zeitweilig sogar von Sporen befallen waren, als „nicht erforderlich“ abgelehnt wurden, ebenso wie ein Lichtschutz für die als „Strichzeichnung“ bezeichneten Wandmalereien.

KÜNSTLER WEIHNACHTS

Hinweistafel an der Burgauffahrt

Leider ist die Gamburg damit, gerade in Baden-Württemberg, kein Einzelfall. Der häufige Mangel an konstruktiver Kooperation der wiederum von der Politik beschnittenen Denkmalämter, gerade mit privaten Denkmal-eigentümern, ist allgemein bekannt. Während die gewährten Zuschüsse oft die Kosten für zahlreiche Auflagen auffressen, findet eine Beratung über Drittfinanzierungen kaum statt. Wobei Privateigentümer in staatlichen Förderprogrammen ohnehin meist schlechter gestellt werden und auch nichtstaatliche Förder-institutionen keine Maßnahmen bezuschussen dürfen, die nicht amtlich genehmigt wurden. In diesem Graben zwischen staatlichem Kontroll-anspruch und mangelnder finanzieller Unterstützung fallen die privaten Denkmal-eigentümer und damit auch die Denkmale selbst. Statt der historischen Bedeutung oder des künftigen Potentials eines Denkmals stehen zu oft rein zufällige Parameter im Vordergrund, nämlich nicht nur ob es in staatlicher oder privater Hand ist, sondern auch in welchem Bundesland es sich befindet, sogar von welchem Referenten es unter welchen denkmalphilosophischen Prämissen betreut wird. Doch während der Staat – ob als Bundesland, Landkreis, Stadt oder über das Denkmalamt – regelmäßig Steuermillionen zur Sanierung seiner eigenen Denkmale ausgibt, wird historisches Erbe in Privateigentum zu oft als Denkmal zweiter Klasse behandelt. Dabei übernehmen private Eigentümer durch ihre Investitionen für unser Kulturerbe eine Aufgabe öffentlichen Interesses, die andernfalls dem Staat, unter zusätzlicher Inanspruchnahme von Steuergeldern, zufallen würde. Denkmale in Privateigentum sparen dem Steuerzahler bares Geld.

Hinterer Bau Gerüst 80er

Arbeiten am Hinteren Bau in den 1980ern

Natürlich wäre es auf der Gamburg auch möglich gewesen, sich jeden Ärger zu ersparen, statt insbesondere die Saaletage, den heutigen Rittersaal, über Jahrzehnte in eine Dauerbaustelle zu verwandeln. Doch hätte die Eigentümerfamilie die Erforschung und Restaurierung dieses einzigartigen Saals sowie der Burg als Ganzes nicht immer wieder mit Nachdruck, oft gegen massive Widerstände und nicht zuletzt unter Einsatz enormer finanzieller Mittel sowie persönlicher Opfer, durchgesetzt, wäre diesbezüglich gar nichts passiert. Letztlich wurde damit auch eine touristische Öffnung überhaupt erst ermöglicht. Die hübsche Fotokulisse, welche die Gamburg heute darstellt, und die gesteigerte Identität für das Monument, die Ortschaft und die ganze Region ist daher das Resultat eines dauerhaften privaten Engagements. All dies muss bis heute immer wieder aufs Neue erstritten und verteidigt werden. „Faire avancer la maison“ – „Das Haus weiter voranbringen“ ist daher in der Familie zum geflügelten Wort und zuweilen auch zur trotzigen Kampfparole geworden.

„ERLEBEN“ – TOURISTISCHE ENTWICKLUNG

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Barbarossa-Fresken und Nordarkade im Rittersaal

Lange Zeit war die Gamburg selbst in der Region weitgehend unbekannt. Doch das wieder zum Leben erweckte Monument, insbesondere der zunehmend freigelegte und erforschte Rittersaal, erregte mehr und mehr das Interesse der Öffentlichkeit. So bot die Eigentümerfamilie immer häufiger Führungen auf Voranmeldung an. 2009 führte die steigende Nachfrage schließlich zum Entschluss, →feste Öffnungszeiten mit regulären Führungen durch Burg und Burgpark anzubieten und das private Zuhause konsequent kulturtouristisch zu vermarkten. Zu diesem Zeitpunkt glich jedoch nicht nur der Rittersaal noch einer einzigen Baustelle. Dies war bis dahin auch der Grund gewesen, weshalb der zähe Kampf um Freilegungen und Restaurierungen nicht nur die Forschung in erheblichem Maße behindert hatte, sondern auch eine touristische Öffnung absurd erschienen ließ.

Langsam kam nach einigen Jahren →das Café auf der Burgterrasse, in dem man sich in aller Ruhe selbst bedienen und die spektakuläre Aussicht genießen kann, dazu. Ebenso der →Burgshop, heute im wieder hergerichteten Waschhaus, in dem u.a. Quittenedelbrände vom Alten Burgweingarten zu finden sind. Außerdem konnte nach langen Verhandlungen mit der Gemeinde das →Wappenzimmer als standesamtliches Trauzimmer registriert werden. Schließlich wurde auch die hergerichtete →Burgkapelle wiedereröffnet, die für Messen, Hochzeiten und Taufen genutzt werden kann.

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Jubiläumslogo 2019

Seit Beginn werden auf der Gamburg auch →Veranstaltungen und Kurse angeboten. Was mit ersten →Kreativwochenenden sowie →Sagen- und Geisterführungen anfing, hat sich heute zu einem vielfältigen Kulturprogramm mit circa 40 Terminen im Jahr entwickelt, das weit über die Region hinausstrahlt. Dabei ist es wichtig, dass sich die entsprechenden Angebote so weit wie möglich an der Geschichte und den Alleinstellungsmerkmalen der Gamburg orientieren und sie damit selbst unverwechselbar werden, statt die Anlage lediglich als hohle Eventkulisse zu missbrauchen. 2019 wurde mit dem Jubiläum „800 Jahre Barbarossa-Fresken“ eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Gamburg mit vielen Sonderveranstaltungen eigens hervorgehoben.

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„L’apéritif au jardin“

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die monatlichen Sagen- und Geisterführungen in Burg und Burgpark, die auf einem historischen Manuskript über die mehr als 21 Geister der Gamburg basieren. Viermal im Jahr werden sie sogar mit einem →saisonalen Festfeuer mit musikalischer Begleitung beendet. Auch unsere →literarische Melusinenwanderung basiert auf einer regionalen Sagengestalt. Dazu kommen regelmäßig z.T. schon →preisgekrönte Konzerte im Rittersaal oder, während der Wintersaison in den privaten Wohnräumen der Familie. Auch Theaterstücke, Vorträge oder Burgbelebungen durch Living-History-Gruppen sind immer wieder auf dem Programm. Außerdem arbeiten wir regelmäßig mit externen Veranstaltern und Kooperationspartnern zusammen, z.B. für unsere Kurse zu →Kräutern, →QiGong, →Bogenschießen und →Historischem Fechten, aber auch für die Feste der Fanfarengruppe →„Fränkischen Herolde“, für das →Ultramarathon „Taubertal 100“ und alle zwei Jahre für die →Gamburger Burgweihnacht. Dazu kommen Kombiveranstaltungen mit dem benachbarten →Kloster Bronnbach bzw. →dem Deutschordensschloss Bad Mergentheim und der Achatiuskapelle Grünsfeldhausen für Kreativwochenenden, →geführte Kanutouren und Kombiführungen. Manche dieser Angebote können von Gruppen auch separat gebucht werden, wie etwa unser großes Gartenevent →„Apéritif au Jardin“ oder das Firmen-Incentive →„Ein Tag im Mittelalter“.

Erstaunlicherweise wurde auch das Interesse der historischen Forschung an der Gamburg seit ihrer touristischen Öffnung beträchtlich erhöht, denn selbst Historiker entdecken solche Gebäude zuweilen erst dank ihrer touristischen Vermarktung.

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Dreh einer Sagen- und Geisterführung

Mit zunehmender Entwicklung erhalten die Gamburg und ihre adeligen Bewohner auch eine steigende mediale Aufmerksamkeit: Sei es in diversen Magazinen wie „Mein Ländle“, „Schönes Schwaben“, „Servus“, „LandIdee“, „Mein Schöner Garten“, dem „Schlösser“-Magazin oder in der ZEIT. Aber auch in Hörspielen wie der 6. Folge von „Schlau wie 4“ von Sony. Dazu kommen Sendungen im WDR wie „Wunderschön!“, auf TLC wie „Haunted“, auf Bayern 1 wie dem „Sommertipp“ und im SWR wie „Schatzsuche im Schloss“, „Kaffee oder Tee?“, „Der leckerste Teller“, „Burgen und Schlösser zur Weihnachtszeit“, „Expedition in die Heimat“ oder „Adel heute – Die nächste Generation“.

Trotz aller Vermarktung ist und bleibt die Gamburg jedoch in erster Linie ein privates Zuhause, in dem es keine Vitrinen gibt und in dem sämtliche öffentlich zugänglichen Teile auch nach Torschluss tagtäglich genutzt werden. Die persönliche Atmosphäre und der individuelle Stil der bis heute von einer Adelsfamilie bewohnten Burganlage spielt, wie zahlreiche Rückmeldungen zeigen, für die Besucher eine ganz entscheidende Rolle. Ein Trumpf, den private Monumente den staatlichen Einrichtungen trotz ihres steuerfinanzierten Vermarktungsapparats voraus haben.

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Wanderer bei der Eröffnung des „Europäischen Kulturwegs“

Die von der Familie von Mallinckrodt angestoßene Erforschung, Erweckung und der touristische Ausbau der Gamburg befördert jedoch auch unmittelbar die Entwicklung und Attraktivität der gleichnamigen Ortschaft, die seit den letzten Jahrzehnten mit einem zunehmendem Schwund an Infrastruktur und den daraus resultierenden Folgen zu kämpfen hat. Das gilt nicht nur für die Förderung der →Gastronomie und der →Übernachtungsanbieter als Gamburgs mit Abstand bekannteste Sehenswürdigkeit. Die Familie von Mallinckrodt engagierte sich auch in entscheidendem Maße bei den Projekten der leider 2018 aufgelösten Dorfentwicklungsinitiative „Pro Gamburg“, wie etwa der Erstellung der Dorf-Website inklusive facebook-Auftritt oder WM-Public Viewing auf der Burg, sowie bei Kooperationen wie etwa den Gamburger Burgweihnachten, dem Projekt „Gamburg leuchtet“ sowie diversen Inhalten des Projekts „Buscher-Pfad und Museum“. Auf die Initiative von Goswin von Mallinckrodt ging auch der erste →„Europäische Kulturweg“ des „Archäologischen Spessartprojekts“ in Baden-Württemberg zurück, der seit 2019 bekannte und versteckte Schätze der Kulturlandschaft zwischen Gamburg, Niklashausen, Höhefeld und Bronnbach erschließt.

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„Kulturstraßenbahn“ in Würzburg

Außerdem wurde in den von ihm initiierten „Stammtischen“ durch engagierte Touristiker der Region eine →„Kulturstraßenbahn“ entwickelt, die in Würzburg seit 2015 die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Tauber-frankens bewirbt. Darüber hinaus arbeitet er als Schriftführer der →„Schlösser Burgen Gärten Baden-Württemberg“, dem größten Dach- verband für touristisch genutzte Denkmale im Bundesland, zu dem auch mehrere Mitglieder in der Region gehören. Zum Engagement in diesem Verband gehörten bisher u.a. die Ausrichtung von Tourismus-Tagungen, Kooperationen mit der TMBW, Entwürfe von Logos und Flyern, die Organisation von Auftritten auf Bundes- und Landesgartenschauen, die Mitarbeit am Aufbau des Gartennetzwerks „Hohenloher Gartenparadies“ sowie an der Vereins-Website und -facebookseite.

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Tagung der „Schlösser Burgen Gärten Baden-Württemberg“ auf der Gamburg

Zudem nahm die Familie u.a. auch an internationalen Projekten wie dem Europäischen Kulturerbejahr →„Sharing Heritage“ 2018 oder der →„HUNCASTLE 2019“-Konferenz der Edutus-Universität in Sümeg, Ungarn, teil.

So ist aus der Gamburg durch das private Engagement der Familie von Mallinckrodt in den letzten Jahrzehnten aus dem Nichts ein heute historisch und touristisch bedeutsames Monument geworden, das auch in Zukunft auf die Region und weit darüber hinaus ausstrahlen wird.